Gedanken für den 24. April - Der Mandelzweig

Mandelzweig
Bildrechte: S. Hofschlaeger / pixelio.de

In meinem Garten steht ein kleines Mandelbäumchen. Jedes Jahr im Frühling treibt es zunächst winzige, dann immer kräftigere rote Knospen, die um die Osterzeit herum aufbrechen und  zarte  rosa Blüten enthüllen. Und jedes Jahr geht mir das Herz auf ob dieses untrüglichen Zeichens, dass der Winter vorüber ist, das das Leben den Sieg davon trägt über den Tod.

Der blühende Mandelzweig ist mir ein Hoffnungszeichen und nicht nur mir. Auch in Israel ist er heute noch ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter. Denn er blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt.

Schon beim Propheten Jeremia heißt es in 1,11-12:

Und siehe des Herrn Wort geschah zu mir und er sagte: Was siehst du, Jeremia? Und ich antwortete: Ich sehe den Zweig eines Mandelbaums. Und der Herr sprach zu mir: Du hast recht gesehen, denn ich wache über mein Wort, dass ich es halte.

Der  Mandelbaum ist hier ein Zeichen, dass Gott über seine Schöpfung wacht.

1942 schrieb Schalom Ben-Chorin sein Gedicht „Das Zeichen“. Er schriebt es, als sich die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Ben-Chorin floh 1935 aus Nazi-Deutschland; die leise Botschaft des Mandelbaums war ihm Trost und Hoffnung in dieser Schreckenszeit..

 

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?

 

Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

Unter der Nummer 659 stehen diese Verse in unserem Gesangbuch. Dieses Lied und seine Geschichte klingen für mich immer mit, wenn ich die blühenden Mandelzweige in meinem Garten sehe; ganz besonders aber in diesem Jahr.


Denn dieser Tage jährt sich die Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten zum 75. Mal. Alle großen, offiziellen Gedenkfeiern sind wegen der Pandemie abgesagt.

Es leben nicht mehr viele Menschen, die die Schrecken der Lager, des Holocaust und des Krieges selbst erleiden mussten und uns davon berichten können. Aber ihre Kinder und Kindeskinder leben noch und sind geprägt von den furchtbaren Erfahrungen der älteren Generationen, müssen mit dieser Last leben.

Auch wir müssen uns dem Schrecken stellen und die Erinnerung bewahren. Denn nicht irgendein anonymer Krieg hat „Tausende zerstampft“ , sondern unseren Vorfahren hatten auf die eine oder andere Weise Anteil daran. Aber wir Nachgeborenen dürfen auch vertrauen auf die zarte Kraft der Liebe und des Lebens.  Lasst uns diese Kraft immer wieder hinaustragen in die Welt.

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

(Anke Schopf)