Gedanken für den 27. April - Zuerst die Amseln oder das Ei?

An unserem Gemeindezentrum in Moosburg brütet an einer gut einsehbaren Stelle zur Zeit eine Amsel. Was war wohl zuerst da – die Amsel oder das Amsel-Ei? Für Kinder ist das eine faszinierende Frage, vor allem, wenn man sich im Spagat zwischen Schöpfungsgeschichte und Evolutionsbiologie bewegt.

Amselnest
Bildrechte: Christian Weller

Ich habe meine helle Freude daran, dass ich meinen Kindern die biblischen Geschichten erzählen kann. Denn in denen stecken nicht nur gute und gut erzählbare Abenteuer, Weltdeutungen und Muster für gelingendes Leben, sondern sie sind auch ein guter kultureller Unterbau für die Welt, in die sie hineinwachsen. Wenn wir im Alltag Sprache verwenden, tun wir das immer mit Bildern und Vorstellungen, die uns und unsere Welt geprägt haben und die wir oft wenig reflektiert übernehmen.

Das müssen nicht unbedingt nur  biblische Geschichten sein (oder kennen Sie auf Anhieb den Ursprung der „Argusaugen“? Ich seit gestern Abend schon, lesen Sie mal ein paar griechische Sagen!), aber viele Bilder stecken doch in vielen von uns. Die Arche, die Tiere, die paarweise die Treppen ins Schiff gehen; der Regenbogen am Ende der Sintflut. Die magischen Zahlen Sieben (Schöpfung), Zwölf (Stämme Israels, Jünger Jesu) oder Drei (Besucher bei Abraham, die Trinität), die Ablehnung von Dunklem als Bösem, unzählige kleine Anrufungen oder Formulierungen – sie alle gehen auf die Bibel als das Buch zurück, dass viele Epochen der Menschheitsgeschichte in weiten Teilen der Welt maßgeblich geprägt hat.

Und dann kommen die Fragen: Wie war das denn mit den Dinosauriern? Woher kommen denn die Menschen eigentlich, wenn es doch nur Adam und Eva gab? Holt Gott die Toten mit einem Botenengel über einen Fluss wie es bei den Griechen war? Und wie ist das wirklich mit Ostern?

Wenn Kinder anfangen, widersprüchliche Erklärungen für ihre Realität zu erhalten – sei es aus der Schule, neuen Büchern, Filmen oder weil man als Eltern entschieden hat, dass Evolution und Kreation vielleicht doch zusammengehen könnten – kommen Fragen über Fragen. Und ich tue mich damit auch immer wieder schwer, verschiedene Welterklärungen miteinander zu versöhnen. Als wissenschaftlich denkender Mensch kann und möchte ich ja meinen Kindern keine Traumwelt vorspielen, in der kritisches Denken und moderne Wissenschaft keinen Platz haben.

Da ich auch gegenüber meinen Kindern da ehrlich sein möchte, erzähle ich von den Entstehungsgründen der Erzählungen und wie sich die Menschen einen Reim auf ihre Erfahrungen gemacht haben. Dann wiederum kann ich - auch theologisch guten Gewissens – auch davon erzählen, dass die biblischen Geschichten mehr begründen wollen als nur die reine Anwesenheit einer Sache: sie vermitteln Sinn und Grund der Schöpfung, der Geschichte, der Gegenwart, sind also mehr als nur beschreibende Wissenschaft, sondern wollen auch Interpretationshilfe für die eigenen Erfahrungen liefern. „Die Schöpfung ist gut“ ist die zentrale Aussage der Genesis-Erzählung, nicht „Gott hat etwas gebraucht, bis er bei den Tieren in Fahrt kam.“

Zurück zu Amsel und Ei. Man könnte viel darüber reden, dass es eine evolutionäre Entwicklung war, man könnte die Unterscheidung zwischen lebend gebärenden Säugetieren und Eier legenden Vögeln erwähnen (wobei der geniale Aprilscherz der Schöpfung, das Schnabeltier, als Ausnahme nicht fehlen darf). Das ist ein unbefriedigendes Ergebnis für Kinder, denke ich. Vom Erklärungsmuster der guten Schöpfung her kann ich aber davon erzählen, dass eine gute Einrichtung ist, ein Zeichen für Hoffnung und das Aufbrechen von Leben aus etwas scheinbar leblosem; und gerade zur jetzigen Zeit sind solche Bilder der Hoffnung wichtig für uns als Familie und als Menschen.

Unabhängig davon, wie die Pandemie entstanden ist, stehen wir doch alle vor dem Problem, mit den Gegebenheiten umgehen zu müssen. Ich finde es legitim, auch einmal aus der biblischen Perspektive darauf zu blicken: das Gegenwärtige einfach anzunehmen im Vertrauen darauf, dass die Schöpfung wirklich gut ist, und das beste daraus zu machen. Daran erinnert mich das Amselnest am Moosburger Gemeindezentrum.

(Christian Weller)