Impuls für den 11. April 2020 - Das Grab ist zu, der Stein liegt davor

Stein
Bildrechte: Harald Hauschild

Welch ein Kontrast in diesem Jahr:  
 

Draußen in der Natur lacht die Sonne vom wolkenlosen Himmel, die Frosttage und -nächte sind sommerlichen Temperaturen gewichen, es kreucht und fleucht, es zwitschert und blüht – fast jeden Tag gibt es neues zu entdecken…

Aber unser Leben, unser Alltag, unser Miteinander ist geprägt von Rückzug und Isolation einerseits; gleichzeitig gilt der Katastrophenfall und es gibt hektische Bemühungen, existenzbedrohende Knappheiten an Schutzmaterialien wie Masken und Kittel oder gar Beatmungsgeräten zu vermeiden:
Hier einerseits:  Ausgangsbeschränkungen im privaten Bereich an allen Orten; Stillstand und wirtschaftlicher Niedergang auf der einen Seite im Bereich der Wirtschaft und des Konsums mit Gastronomie und der Freizeitindustrie inklusive Kultur und auch Beschränkungen für Gemeinden und Glaubensgemeinschaften aller Art – selbst Osterfeuer dürfen nicht sattfinden, Gottesdienste werden ohne Gemeinde zelebriert werden …

Dort andererseits: Hektik und Stress, vor allem in den Bereichen Landwirtschaft mit Pflanzarbeiten und Spargelernte auf der anderen Seite, und in der Grundversorgung und im Einzelhandel quirliger Trubel, um für den täglichen Bedarf inklusive Logistik und Lieferketten zu sorgen – und besonders dort im Gesundheitswesen mit den Schwerpunkten Intensivmedizin und Beschaffung von Schutzausrüstungen sowie der Versorgung in Alten- und Pflegeheimen …

Eigentlich stehen wir gerade am Ende der Karwoche, einer Zeit der Besinnung im Kirchenjahr; die Fastenzeit geht zu Ende, wir gehen auf Ostern als dem Fest der Auferstehung zu.

Aber erst gilt: Das Grab Jesu ist heute zu, fest verschlossen … .
Josef von Arithmatäa „ging davon“, heißt es lapidar, wie wir im Evangelium des Matthäus im 27. Kapitel nachlesen können


Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu.
Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben.
Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch
und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.Es waren aber dort Maria von Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.
Das Grab ist zu – verschlossen durch einen schweren, wuchtigen Stein – zugemauert bis an das Ende der Zeiten…


Alle Hoffnungen und Erwartungen der Jünger*innen zerstört –
Alles aus – dunkel und verschlossen …

Gehen wir zurück zur Situation damals bei den Nachfolger*innen Jesu: Spüren wir ihrem inneren Zustand nach.
Ist da nicht große Enttäuschung zu finden, Hoffnungslosigkeit, maßlose Traurigkeit, ja vielleicht sogar abgrundtiefe Verzweiflung?
Sie, die mit Jesus in den drei Jahren seines öffentlichen Wirkens durchs Leben gezogen waren, die ihn begleitet hatten und sicher Heilungen und Wunder miterlebt hatten - sie waren mit ziemlicher Sicherheit am Boden zerstört und aller ihrer Erwartungen auf das Reich Gottes beraubt …

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Bildrechte: Harald Hauschild

Das Grab ist zu – der Stein davor sind der massive und reale Endpunkt – ein Leben mit seinen Möglichkeiten, Chancen und Perspektiven ist unwiderruflich zu Ende – tot.

Auch heute sind Grabsteine auf dem Friedhof ein Zeichen für einen endgültigen Abschied hier auf dieser Erde.
Sie symbolisieren: Ein Leben ist zu Ende gegangen – und ein Stein überdauert in aller Regel unsere kurze Lebensspanne.

Und doch:

Auch ein Stein kann zerbrechen – und wieder „geheilt“ werden.

Als ich in der Zeit meines Klinik-Aufenthaltes Ende 2019/Anfang 2020 in Bad Tölz öfter am Isarufer mit seinen Geröll-Kieseln spazieren gegangen bin, sind mir jede Menge Steine mit „Adern“ aufgefallen.

Die sind Folge dessen, dass das ursprüngliche Gestein bei der Auffaltung der Alpen wie in einem Schraubstock zusammengepresst, verbogen und gefaltet wurde und schließlich zerbrach.

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Doch im Laufe der folgenden Jahrmillionen wurden diese Trümmerrisse wieder heil, die Risse haben sich mit hellen Mineralien durch kalkhaltiges Wasser verschlossen – so wie unsere kleinen Wunden heilen, wenn wir uns geschnitten oder die Haut aufgeschürft haben.

Und diese Adern kreuzen sich, sind mal dicker und dünner.

Für mich sind sie Sinnbild für die Schwere der Verletzungen geworden – die jeden einzelnen von uns jederzeit in diesem Leben treffen können (und zwar unabhängig von irgendeiner Schuldfrage (!)).

Aber diese Risse zeigen mir auch, dass große und kleine Risse – Brüche im Leben - sich wieder schließen können und zum Guten wenden.
Dafür aber braucht es Zeit und Ruhe – für den Heilungsprozess.

Und das ist für mich auch ein Bild für die momentane gesellschaftliche Situation:
Auch wenn es uns alle - mich eingeschlossen - wieder nach Draußen drängt, wenn ich gerne Kinder, Verwandte und Freunde sehen und ihnen persönlich begegnen will – es braucht momentan Zeit und Geduld, um genau die zu schützen, mit denen wir zusammen sein wollen.

Haben wir Hoffnung – wir gehen auf Ostern zu - unser HERR ist auferstenden!

Und ich schließe diese Gedanken mit den besten Wünschen für ein Gesegnetes Osterfest im Jahr 2020, wo alles so ungewohnt anders ist, mit einem Bonhoeffer-Zitat, das gut zu Ostern und der Auferstehungshoffnung passt:

Unser Heil ist „außerhalb unser selbst“, nicht in meiner Lebensgeschichte, sondern allein in der Geschichte Jesu Christi finde ich es.“

(Harald Hauschild)