Gedanken für den 22. April 2020 - "Corona" ist mehr...

Corona, dieses Wort bestimmt unser Leben seit Wochen. Wenn wir es hören, denken wir: Virus, Pandemie, Covid 19, Ausgangsbeschränkungen, Ansteckungsgefahr, schreckliche Bilder aus Krankenhäusern...

Blumenkranz
Bildrechte: Karina Sturm / pixelio.de

Dabei hat dieses Wort auch noch so schöne und erfreuliche andere Bedeutungen.

Zu deutsch heißt es schlicht Kranz. Wir könnten an Siegerkränze, an Blütenkränze der Bräute und die Löwenzahn- oder Gänseblumenkränze kleinen Mädchen denken, oder an die zur Zeit nicht möglichen Kaffeekränzchen.  Auch die Coronarien kommen mir in den Sinn, die Herzkranzgefäße, die unser Herz  mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen, damit es arbeiten kann.

Corona war auch ein gern gebrauchtes Wort für eine fröhliche Gruppe von Freunden oder Zuschauern – heute nicht nur wegen Covid 19 aus der Mode gekommen. Corona – auch ein Synonym für das, was wir vermissen, die Schar von Freunden mit denen wir fröhlich beisammen sein können – nicht nur virtuell.

Und nicht zuletzt gibt es ein wunderbares Gedicht von Paul Celan mit dem Titel „Corona“. Der Tagesimpuls am 20. April von Christian Weller zu Celans 50.Todestag rief es mir wieder in Erinnerung.

„Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn“ heißt es darin.

Wir lebten in den letzten Wochen irgendwie Zeit-los, herausgenommen aus dem Strom der Zeit, abgekapselt wie die Nuss in der Schale....  Nun kommen Lockerungen: wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn...

Ja, die Zeit läuft wieder. Wir werden wieder einen anderen Umgang mit der Zeit einüben müssen, schälen uns aus  unserem eingekapselten Alltag vorsichtig heraus. Wir erkunden die neu gewonnenen Freiheiten, immer gewahr, dass sie enge Grenzen haben und auch die Coronaviren noch lauern..


(Anke Schopf)

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.
Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.
Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.
Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit. 

(Paul Celan)